Forschungsstrategie

Unser Ausgangspunkt: Modernen Volkskrankheiten vorbeugen

Trotz enormer Anstrengungen und einer unüberschaubaren Zahl von Einzelprojekten ist es in den vergangenen Jahren kaum gelungen, Übergewicht und psychischen Störungen wie ADHS, Essstörungen oder Depressionen nicht nur punktuell, sondern im Rahmen einer überzeugenden Gesamtstrategie entgegenzuwirken. Der Hauptgrund hierfür könnte in der Vernachlässigung der Bedeutung von Anerkennung und sozialer Teilhabe für die Gesundheit liegen. So hebt zwar auch der Teilhabebericht der Bundesregierung hervor, dass Menschen mit Beeinträchtigungen bei fehlender Teilhabe ein höheres Maß an zusätzlichen gesundheitlichen Problemen aufweisen. Die Bedeutung von Teilhabe bleibt jedoch oft auf bestimmte Zielgruppen beschränkt, obwohl zahlreiche empirische Belege für einen generellen Zusammenhang sozialer Bedingungen und Gesundheit sprechen. Dieser Zusammenhang zeigt sich auch in der parallelen Entwicklung der neuen Volkskrankheiten zu der zunehmend auseinanderklaffenden Schere zwischen „Arm“ und „Reich“, zwischen gesellschaftlichen „Verlierern“ und „Gewinnern“, dokumentiert im jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Bisherige Maßnahmen tragen dieser Entwicklung nicht in ausreichendem Umfang Rechnung, unabhängig davon, ob sie verhaltens- oder verhältnispräventiv ausgerichtet sind.

Unser Kerngedanke: Vorbeugen durch Verbesserung sozialer Teilhabe

Mit VorteilJena soll von Jena ausgehend eine Gesundheitsregion entstehen, die mit Blick auf die gesamte Lebensspanne vorbeugend ausgerichtet ist. Getragen wird diese Region von einem Kerngedanken: Gesund kann nur sein oder werden, wer dazugehört, wer nicht an den Rand gedrängt, gemobbt, diskriminiert oder ignoriert wird! Das zentrale Anliegen einer so definierten Gesundheitsförderung ist die Ermöglichung eines positiven Selbstwertes, eines „Wir-Gefühls“ und darauf aufbauend einer gemeinsamen Identität. Aus theoretischer Perspektive gibt es zahlreiche Belege dafür, dass gesundheitsfördernde Angebote erst greifen können, wenn Menschen überzeugt sind, für das eigene Wohlergehen und das der Mitmenschen mit verantwortlich zu sein, und wenn sie sich sicher fühlen, diese Verantwortung auch durch eigenes Handeln umsetzen zu können. Dieser zentrale Aspekt der Selbstwirksamkeit kann nicht durch Appelle an die Gefährlichkeit einer Erkrankung, durch bloße Wissensvermittlung oder Aufklärung, und auch nicht allein durch Bereitstellung von Gesundheitsangeboten gefördert werden. Vielmehr sind hier zwei Arten von Strategien geboten, die auf Steigerung sozialer Teilhabe aller abzielen. Zum einen ist es das Ziel, Menschen, die z. B. wegen psychischer Erkrankung, Behinderung oder Übergewicht diskriminiert/gemobbt/ignoriert werden, wieder in die Gemeinschaft zu integrieren bzw. genauer zu „inkludieren“. Dies geschieht bei VorteilJena mit Blick auf die drei Bereiche:

  1. Steigerung von Selbstwirksamkeit und selbstbestimmtem Handeln,
  2. Vermeidung von Diskriminierung/Mobbing und Förderung von Toleranz,
  3. Förderung sozialer Teilhabe.

Unser Ziel: Qualitätsgesicherte Praxishilfen für alle

Zum anderen sollen konkrete Angebote zur Förderung einer gemeinsamen Identität mit dem Ziel des Aufbaus von Motivation und Unterstützung für ein sinnerfülltes Leben aller sozialen Gruppen geschaffen werden. Diese Angebote sollen einen ausreichenden Wiederhall der Bemühungen um Inklusion in der städtischen Gemeinde und dem (wirtschaftlichen) Umfeld erzeugen. Das Neue und Innovative an dieser Idee ist, solche Maßnahmen nicht oder nicht in erster Linie unter dem Aspekt einer besseren Teamfähigkeit oder zum Zweck der Verfolgung von wirtschaftlich orientierten Unternehmenszielen zu konzipieren, sondern als Teil einer umfassenden Gesundheitsförderung, die Unternehmen und Institutionen, der Gesellschaft, aber auch jedem Einzelnen zugutekommt.

Die Einführung der Maßnahmen auf Basis der qualitätsgesicherten Praxishilfen, die von den Teilprojekten entwickelt werden, erfolgt in mehreren Schritten. Nach der Vorbereitung (Phase 0) werden die Praxishilfen in den Modelleinrichtungen erprobt (Phase 1). Dann werden Wirkungsstudien in den Modellorganisationen durchgeführt (Phase 2). Abschließend erfolgt die Vorbereitung für eine überregionale Verbreitung der Praxishilfen (Phase 3).

Evaluationsschritte in Anlehnung an die internationale Gesellschaft für Präventionsforschung (Society of Prevention Research; QM = Qualitätsmanagement).